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Ungewöhnliche Hybriden bei Cichliden (DCG-Information, 1999 / 130)

 

 


Im Hochland von Chiapas, Mexiko, leben drei Cichliden, die es wert sind, noch einmal genauer vorgestellt zu werden. Hinzu kommt die ungewöhnliche, ungewollte Hybridisierung zwischen „Cichlasoma” grammodes und Vieja hartwegi.
An der Grenze zwischen Guatemala und dem angrenzenden mexikanischen Bundesstaat Chiapas leben in einen relativ abgegrenzten Gebiet die beiden oben genannten Cichliden und endemisch in der Presa de Angostura der erst im Jahre 1988 beschriebene Cichlide Vieja breidohri.
Bei all diesen Cichliden handelt es sich um relativ selten gepflegte Arten, welche meist stiefmütterlich mitgepflegt werden, ohne Ihnen allzu viel Aufmerksamkeit zu schenken.

„Cichlasoma” grammodes ist ein spezialisierter Fischfresser, der mit einer überaus attraktiven Färbung aus kräftigen Blau- und Rottönen eigentlich mehr Liebhaber finden sollte. Mit einer Größe von rund 25 cm bei den Männchen handelt es sich zusätzlich um einen Cichliden, welcher noch nicht unter die absolute Bullenklasse fällt. Ich pflege und züchte „C.” grammodes nun seit mehr als sechs Jahren und kann die Tiere sowohl als Solitärfische, als auch für die Vergesellschaftung mit anderen Cichliden sehr empfehlen. Oftmals wird „C.” grammodes als bissig und unverträglich dargestellt. Eine Behauptung, die unter manchen Umständen zutreffen mag, jedoch nicht verallgemeinert werden darf. Meine „C.” grammodes lassen sich beispielsweise problemlos mit allen bekannten Vieja-Arten oder mit Herichthys-Arten zusammen halten und in Gesellschaft vermehren. Probleme können auftauchen bei gemeinschaftlicher Haltung mit Parachromis-Vertretern oder z.B. „C.” festae, da hier aufgrund der ähnlichen Körperform stets die normalerweise bei diesen Tieren herrschende innerartliche Aggressivität wieder in den Vordergrund tritt und deshalb „C.” grammodes als Feind angesehen wird. Mit großen, hochrückigen Tieren als Gesellschafter gibt es meiner Erfahrung nach keinerlei Schwierigkeiten und mehrjährige, ausgefärbte „C.” grammodes sind eine wahre Augenweide durch den Kontrast der feinen blauen und roten Zeichnung.

Vieja breidohri und Vieja hartwegi stellen die kleinsten Vertreter der rund 15 Arten fassenden Vieja-Gattung dar und zumindest V. hartwegi lebt sympatrisch im gleichen Lebensraum mit ?C.? grammodes.


Beide Arten haben sich bei mir ähnlich wie ?C.? grammodes als durchsetzungsfähig, aber nicht als ausgesprochen aggressiv erwiesen. Auch hier entwickeln die Tiere erst nach einigen Jahren ihre volle Farbenpracht und glänzen ebenfalls mit feiner Zeichnung in blau, grün und rot. Die beiden Vieja-Arten sind aufopferungsvolle Cichliden, selbst in vollbesetzten Aquarien mit etlichen anderen Buntbarschen schaffen sie es, trotz zahlreicher Freßfeinde etliche ihrer Jungfische durchzubringen, bis diese eine Größe außerhalb der ?Freßgröße? erreicht haben. Weil bei mir v.a. mit zwei vergesellschafteten V. hartwegi-Paaren seit Jahren die Haltung und Zucht so gut klappte, dachte ich mir, was liegt näher, als ein Biotop-Aquarium mit Hochlandcichliden anzulegen.


Ermuntert wurde ich zudem durch Beobachtungen in der Natur. Bei einigen Reisen nach Mexiko und Belize stellte ich oft Biotopbesetzungen fest, welche fast immer aus jeweils einem Vertreter der Gattung Thorichthys, Vieja, Chuco und ein oder mehreren „Nandopsis”-Arten („C.” salvini, urophthalmus, grammodes, etc.) bestanden.


Meine beiden V. hartwegi-Paare laichten fast immer zeitgleich ab, höchstens ein Tag lag zwischen den Eiablagen der beiden Weibchen. Vielleicht stimulierte das erste Paar durch dem Ablaichvorgang das zweite Paar. Die Jungfische wurden sehr lange gepflegt, erst bei einer Größe von rund 4-5 cm fischte ich sie aus dem großen Aquarium ab. Kurzerhand richtete ich danach ein 1,50 Meter langes Becken ein und besetzte es mit jeweils sechs fingerlangen Nachzuchttieren von V. hartwegi und ?C.? grammodes. Geschlechtsunterschiede waren kaum zu erkennen, auch interessierte mich momentan die Zucht nicht, da große Paare beider Arten in anderen Aquarien untergebracht waren.
Nach einigen Wochen und leider ebenfalls etwas stiefmütterlicher Behandlung konnte ich beobachten, daß das erste V. hartwegi-Paar sich gefunden hatte und eifrig Laichvorberei-tungen veranstaltete. Allerdings schienen die Verhältnisse noch nicht endgültig geklärt, da ein zweites V.hartwegi-Männchen ebenfalls das laichbereite Weibchen anbalzte. Ein paar Tage später zappelten in zwei Gruben Cichlidenlarven. Ohne mir auch nur den geringsten Gedanken darüber zu machen, war ich einfach felsenfest davon überzeugt, daß zwei V. hartwegi-Paare abgelaicht hatten. Genauso wie ich es von den Elterntieren im anderen Aquarium kannte. Wohl ein klein wenig seltsam kam mir vor, daß ein Larven-Gelege nur vom männlichen Tier bewacht wurde, ich schob es jedoch auf die Unerfahrenheit der Tiere, die zum ersten Mal Nachwuchs hatten. Es standen sich an den selbst geschaffenen Reviergrenzen ein brutpflegendes V. hartwegi-Paar und ein ebenfalls brutpflegendes Hartwegi-Männchen gegenüber. Das fehlende Weibchen konnte ich nicht ausmachen, da die drei restlichen V. hartwegi ebenso wie alle sechs ?C.? grammodes auf Distanz gehalten wurden.


Heute ärgere ich mich darüber, daß ich damals so selten in das Aquarium geblickt habe, doch wir alle kennen die Tage oder Wochen, in denen die Zeit fehlt und außer Futtergaben und dem notwendigen Wasserwechsel keine freien Momente für Beobachtungen oder Fotos bleiben.


Es kam, wie es kommen mußte. Die fürsorglichen drei Elterntiere pflegten die erste Nachkommenschaft mit großer Hingabe und übrig blieben etliche Jungfische, die ich bei etwa 1,5 cm Größe aus dem Aquarium fing und alle gemeinsam in ein kleines Aufzuchtbecken gab, da es sich augenscheinlich für mich um reine V. hartwegi-Jungfische von zwei Paaren handelte, die ich geschwisterlich selbst großgezogen hatte.


Sie werden es mittlerweile erraten haben: Während ein Hartwegi/Hartwegi-Paar Jungfische bewachte, zog ein Hartwegi-Männchen Jungfische auf, die aus einer Kreuzung mit einem ?C.? grammodes-Weibchen stammten, welches allerdings nach dem Ablaichvorgang verjagt wurde, wie alle anderen Insassen.


Man mag mir eine gewisse Blauäugigkeit unterstellen, aber ich bemerkte überhaupt nicht, Jungfische aufzuziehen, bei denen rund 50 % Kreuzungen dabei waren. Hätte ich dies von Anfang an gewußt, wären die Hybriden nie ins Aufzuchtbecken gelangt, sondern hätten kurzerhand den Speiseplan meiner ?C.? festae oder ?C.? dovii bereichert, da es mir absolut fern liegt, Cichliden zu kreuzen und diese dann zu verbreiten. Heutzutage tauchen vermehrt Bastarde im Handel auf, die bewußt oder unbewußt an unwissende Händler verschleudert werden. Jungtiere von V. maculicauda x V. synspilus oder V. bifasciata x V. spec. ?Coatzacoalcos?, etc. entdeckte ich bereits in mehreren Zoogeschäften und die Häufigkeit dieser Hybriden nimmt zu, da wir uns allzu gern für neuen Formen, Arten oder Varianten begeistern können. Allerdings muß man zugeben, daß diese Kreuzungprodukte oft farblich sehr interessant sind, was aber hier keinerlei Anlaß geben soll, Buntbarsche bewußt zu kreuzen.


Ich bin selbstkritisch genug, um mein Handeln (in diesem Fall mangelnde Beobachtung) zu verurteilen und werde in Zukunft genauer meine Fische beobachten, da mir – und nun kommt der große Fauxpas in über 20 Jahren Aquaristik – erst bei einer Größe von rund 10 cm auffiel, daß neben normalen V.hartwegi auch spitzköpfige, andersartige Tiere schwammen. Ich zweifelte zunächst daran, da ich es mir so ganz und gar nicht vorstellen konnte, daß zwei in der Natur sympatrisch lebende Cichliden, noch dazu aus unterschiedlichen Gattungen, hybridisieren. Die Gründe mögen vielfältig sein, ich weiß nicht, woran es lag, sei es an der Enge der Platzverhältnisse in Gefangenschaft oder mögen es zig andere Gründe sein, jedenfalls schließt die Hybridisierung im Aquarium nicht aus, daß sich die Tiere auch im natürlichen Lebensraum kreuzen, was vielleicht auch die von reisenden Aquarianern oft gemachte Einstufung als ?neue Art oder Naturhybride? erklären kann.


Ohne Entschuldigungen gelten zu lassen, aber auch bedingt durch einen Umzug und Arbeitsplatzwechsel habe ich es versäumt, rechtzeitig die Tiere als Kreuzungsprodukt zu erkennen. Jetzt sind sie zu groß, um als Futter für andere Buntbarsche zu dienen und haben als Geschöpfe der Natur sicherlich auch ihren recht bescheidenen Anspruch auf Leben und Dasein.


Interessant sind sie auf alle Fälle, meine ungewollten Hybriden, wie die Fotos erkennen lassen. Die Körperform erinnert mehr an Paraneetroplus als an Vieja oder Nandopsis. Ich werde sie wohl oder übel behalten müssen, um der Gefahr einer weiteren Verbreitung zu begegnen, zumindest haben sie es geschafft, daß ihnen von nun an mehr Aufmerksamkeit und Beobachtung zuteil wird.


Literatur:
Stawikowski & Werner: Die Buntbarsche Amerikas, Band 1, 1998


© Peter Buchhauser