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„Und plötzlich habe ich spitzköpfige Vieja fenestrata!” (DCG-Information, 1999 / 21)

 

 



Der Fensterbuntbarsch Vieja fenestrata ist ein alter Bekannter und eigentlich gibt es über diese Art wenig Neues zu berichten. Vor rund 10 Jahren hielt ich meine ersten Exemplare und war ganz fasziniert von dieser riesigen Vieja-Art. Exemplare in öffentlichen Schauaquarien erreichen schon mal über 40 cm. Daß diese Art aber jetzt bei mir wieder für Überraschungen sorgte, fing 1996 in Mexiko an. Ganz genau kann ich mich noch erinnern, was dort im Dezember passierte:


Ich saß in einem spärlich eingerichteten Hotelzimmer und draußen plätscherte unaufhörlich der Regen auf die betonierten Wege. Seit drei Tagen hatten wir das gleiche triste Wetter. So hatte ich mir unseren Urlaub eigentlich nicht vorgestellt. Wieder einmal war ich nach Mexiko geflogen, meines Erachtens in der Trockenzeit, da heute der 1. Advent war. Trocken war es auch eine zeitlang, als wir von Mexiko-Stadt aus unsere Tour über Oaxaca begannen. Nahezu alle zum Pazifik entwässernden Flüsse waren vertrocknet oder zu kläglichen Rinnsalen reduziert. Im Rio Tehuantepec, der in der gleichnamigen Ortschaft beim Durchwaten nicht einmal an den Rand meiner Badehose heranreichte, fing ich recht lustlos einige Amphilophus trimaculata, etliche Welse der Gattung Rhamdia und von den selteneren und flinken Amphilophus macracanthus erwischte ich nur 2 Stück. Über Tuxtla Guitierrez und San Cristobal de las Casas führte unser Weg wieder einmal nach Palenque.


Für mich als Aquarianer die mexikanische Lieblingsstadt, weil man von dort aus problemlos ein riesiges Gebiet mit zahlreichen Cichliden-Arten durchforsten kann. Eine leichte Überraschung stellte ich fest, daß Klarwasserflüsse wie der Misol-Ha, der Chocolja, der Chacamax, etc. einen sehr hohen Wasserstand aufwiesen und relativ trüb waren. Vor genau 2 Jahren war ich das letzte Mal hier und hatte die Wasserstände als viel niedriger und das Wasser als sehr viel klarer in Erinnerung. Wieder sieht man, daß sich die in den Tropen vorherrschenden beiden Jahreszeiten (Regen- und Trockenzeit) nicht in einen bestimmten Zeitrahmen eingrenzen lassen. Spätestens durch den Hurrikan „Mitch“, der weite Teile Honduras’ und Nikaraguas verwüstete, weiß man, welche Kräfte diese Tropenstürme besitzen.
Während wir von Palenque aus Kurs Richtung Catemaco-See nahmen, begann es gleich hinter Catazaja zu regnen. Das gesamte Gebiet zwischen der Usaumacinta-Grijalva- und Coatzacoalcos-Region stand mehr oder weniger unter Wasser. Kilometerweit sahen wir beiderseits der Staatsstraße MEX 180 zwischen Villahermosa und Coatzacoalcos nur überschwemmte Gebiete.


Direkt am Ufer des Catamaco-Sees befand sich auch das Hotel Playa-Azul, in dem wir uns für drei Tage einmieteten in der Hoffnung, morgen würde der Regen nachlassen. Ein schöner Garten mit Palmen, Bromelien, großen Tropenbäumen, etc. und das angeschlossene Restaurant konnten den regenverhangenen Himmel nicht heiter machen. Von dem „Playa Azul (=blauer Strand)“ ganz zu schweigen. Mein Reiseführer schwärmte von einem Bootsausflug zur Affeninsel; gelangweilt las ich weiter und erfuhr von noch praktizierenden Heilen und Zauberern. Der Gedanke schlich in meinen Kopf, daß vermutlich alle diese Zauberer unlängst gemeinsam wohl einen Regentanz aufgeführt hatten.
Nichtsdestotrotz ließen wir die Köpfe nicht ganz tief hängen, schließlich gab es ja Vieja fenestrata in diesem See. Ein guter Bekannter von mir, Jürgen Balzer aus Düsseldorf, verwies mich vor dem Urlaub diesbezüglich an den Rio Hueyapan, einem Zufluß zum Catemaco-See. Dort gab es Individuen, die besonders rote Köpfe und herrliche Grüntöne auf den Flanken bekamen. Beim Anblick des Rio Hueyapan stellte ich fest, daß jeder Versuch, hier mit meiner Ausrüstung Fische zu fangen, sinnlos und leichtsinnig wäre, da der Fluß momantan eine stark reißende Strömung und eine lehmigbraune Brühe aufzeigte.


Enttäuscht machten wir uns auf den Rückweg zu unserem Hotel und während der Fahrt dachte ich immer wieder an die Viejas.


Wir wissen, daß V. fenestrata, der in Gefangenschaft sehr groß werden kann und dann entsprechend hochrückig wird (ein Höhen-/Längenverhältnis von fast 2:3 ist keine Seltenheit), polychromatisch ist und selten auch in oranger bis weißlicher Farbe in der Natur auftaucht. Bei der von Donald Conkel vor längerer Zeit genannten Art Vieja spec. „Conkel“ handelte es sich nicht um eine neue Art oder um einem bewußt gezüchteten Hybriden (Conkels Vorliebe), sondern um die xanthoristische Farbform von V. fenestrata. Nun scheint sich aber anzudeuten, daß V. fenestrata zusätzlich polymorph ist, worauf die von mir mitgebrachten Exemplare schließen lassen.


Mit einem von 2 mexikanischen Jungs ausgeliehenen Wurfnetz fing ich mühsam 5 V. fenestrata, 2 Thorichthys ellioti und unzählige Lebengebärende im Lava-Uferbereich des Sees bei unserem Hotel. Neidvoll betrachtete ich die Männer auf ihren Ruderbooten, die etwa 50 m seewärts ihre großen Wurfnetze mit einem Durchmesser von 7-8 m so geschickt auswarfen, daß ich bei dieser schwungvollen Bewegung wahrscheinlich gekentert wäre und das Netz wie einen zusammengefalteten Regenschirm hinterhergezogen hätte.


Die 5 gefangenen V. fenestrata maßen etwa 6 cm, hatten bereits etwas Farbe, sahen aber ansonsten schrecklich aus. Völlig abgemagert, mit viel zu großen Augen und Pilzbefall am Maul. Schuld daran sind wohl die von Menschenhand im See ausgesetzten Tilapien (meist Oreochromis aureus), die als Nahrungskonkurrenten den Viejas alles wegfressen. Obwohl die Auswirkungen der Faunenverfälschung auch mittlerweile in Mexiko hinlänglich bekannt sein dürften, werden noch immer Tilapien als Eiweißquelle für die Bevölkerung in heimische Gewässer ausgesetzt. Teilweise gibt es auf mexikanischen Fischmärkten nur noch diese Tilapien als ?Carpa? zu kaufen , von den ursprünglichen mexikanischen Cichliden keine Spur mehr.


Ich setzte nur die Viejas in meine 5-Liter-Eisbox, entließ die anderen Tiere wieder in den See und überlegte lange, ob ich die Fische in diesem Zustand mitnehmen sollte. Würden sie die Strapazen bis Mexiko-Stadt und von dort aus bis nach Süddeutschland überleben? Ich entschloß mich dazu, da ich bislang außer den 5 V. fenestrata nur wenige weitere Fische im Gepäck, bzw. im Zimmer hatte. Bei einer Lufttemperatur von nur 6 C° wären mir die Tiere auf dem entsprechend kalten Fliesenboden in Mexiko-Stadt auch beinahe erfroren, wo wir die Nacht vor unserem Rückflug verbrachten. In einem meiner Aquarien ließen sich die Däumlinge aber wieder gut hochpäppeln. Eine abwechslungsreiche Fütterung mit Artemia, Wasserflöhen, Garnelen, Erbsen und Wasserlinsen sowie ein häufiger Wasserwechsel (3-4 mal in der Woche ca. 25%) machten aus den Zwergen richtige Buntbarsche. Sie erwiesen sich als 2 Männchen und 3 Weibchen, wobei die Männchen mittlerweile ganz anders aussehen als ihre weiblichen Pendants. Blaß und spitzköpfig, ohne roten Kopf und mit einen starken Grauanteil im Körper unterscheiden sie sich deutlich von den Weibchen, die - um es einfach zu sagen - aussehen wie alle anderen V. fenestrata auch.


Stawikowski & Werner erwähnen ein kräftiges, spitzköpfiges Männchen von V. fenestrata und stellen die These auf, ob sich wohl V. fenestrata allmählich von einem Pflanzenfresser zu einem Fischfresser umstellt, bedingt durch die Tilapien im Catemaco-See. Nach meinen gegenwärtigen Aquarienbeobachtungen kann ich diese These nur untermauern. Mittlerweile rund 2 Jahre alt, haben sich die Tiere problemlos vermehren lassen und zeigen nun einen ausgeprägten Geschlechtspolymorphismus. Die Männchen sind den Weibchen davon-gewachsen und wirken zwar kräftiger, der spitze Kopf hat sich noch deutlicher ausgeprägt und die leider sehr schwache Färbung der Tiere ebenfalls. Es wäre sicherlich interessant, daß Gebiß der männlichen Tiere genauer zu untersuchen, vielleicht ist dort ein Evolutionsprozeß festzustellen wie wir ihn schon von Herichthys minckleyi kennen, der sowohl als Algenfresser als auch als Molluskenfresser mit unterschiedlicher Bezahnung und Darmlänge auftritt.


Ein Testversuch mit lebenden Fischen als Futter zeigte bei meinen V. fenestrata jedoch keine Besonderheit gegenüber den mitvergesellschafteten V. melanurus. Es bleibt abzuwarten, wie sich die Tiere weiter entwickeln, denn viele Vieja-Arten zeigen erst nach etlichen Jahren ihre endgültige Körperform, Größe und Färbung. Seltsam sehen die Tiere aber allemal aus.



Literatur:
W. Staeck: Polychromatismus bei Vieja fenestrata, DATZ 11/1998
Stawikowski & Werner: Die Buntbarsche Amerikas, Band 1, 1998


© Peter Buchhauser