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Ein Mittelamerikaner sieht rot (Aquaristik aktuell, 5-6/1999 / Seite 82-85)

 


Nach über 20 Jahren Aquaristik, knapp 20 Jahren Cichlidenzucht und mehr als 10 Jahren ausschließlicher Pflege amerikanischer Buntbarsche schwimmen jetzt wieder afrikanische Cichliden im Aquarium des Verfassers. Keine Neuheiten, sondern alte Bekannte aus Westafrika, nämlich rote Cichliden der Gattung Hemichromis. Angefangen hat alles aber wieder mit den Mittelamerikanern.

 

Von Zeit zu Zeit wird es dringend notwendig, die zahlreichen Nachzuchten meiner Buntbarsche aus Platzmangel abzugeben. Da dies oft mit Schwierigkeiten verbunden ist, weil die Mittelamerikaner eine Vielzahl von Nachkommen produzieren und die Nachfrage eher bescheiden ist, versuche ich mein Glück bei Zoogeschäften, deren Besitzer oder Angestellte ich seit Jahren kenne. Meist wird daraus ein Feilschen, mehr Fische zu niedrigeren Preisen loszuwerden. Problematisch wird die Sache immer dann, wenn ich mich nicht beherrschen kann und im Gegenzug neue Fische mitnehme.
Auch an jenem Tag lief es so ab. ?Wir haben wunderschöne rote Cichliden?, rief mein Bekannter dem Zoogeschäft und zeigte mir die Tiere im Verkaufsbecken, ?wir wissen nicht einmal genau, welche Art es ist?. ?Rote Cichliden?, wiederholte ich, ?die hielt ich schon vor fast 20 Jahren, viel zu fade und langweilig?. ?Nimm ein Paar mit, ich mache Dir einen guten Preis, die werden wirklich sehr farbenprächtig?, antwortete er.
Da ich ein Mann der Tat bin (mit anderen Worten: Ich kann nicht widerstehen und bin in solchen Situationen oft sehr inkonsequent und handle rein emotional, auch nach über 20 Jahren Aquaristik...), fing ich mir selbst die zwei buntesten Tiere raus, in der Hoffnung, ein Paar erwischt zu haben. Während der langen Heimfahrt machte ich mir Gedanken, wo ich die kleinen Cichliden unterbringen sollte. Natürlich herrschte bei mir - wie bei fast allen anderen Aquarianern - absoluter Platzmangel, bzw. konnte ich die roten Cichliden unmöglich zu meinen mittelamerikanischen Bullen der Gattungen Vieja und Parachromis setzen, sie wären ein teures Futter geworden. Also wohin damit, es blieb nur eine Notlösung. Die beiden mußten in ein Minibecken mit 35 Litern Inhalt, welches normalerweise der Aufzucht von Jungfischen diente. Ich machte mir große Sorgen wegen der Enge des Aquariums und befürchtete das Schlimmste, eben wie ich es von meinen ruppigen Mittelamerikanern gewohnt war. Bei denen hätte das weibliche Tier in dem kleinen Becken wohl kaum eine Chance gehabt, lange zu leben.
Die beiden Tiere vertrugen sich prächtig und fraßen von Anfang an alles, was ich ihnen anbot. Dies waren Wasserflöhe, gefrorene Artemia, Granulatfutter und weiße Mückenlarven. Unterdessen wälzte ich neugierig die Literatur, denn schließlich wollte ich wissen, welche Art von Hemichromis ich besaß. Dabei stellte sich heraus, daß dies alles andere als leicht war, da der Hemichromis-Komplex in meinen Augen ein heilloses Durcheinander ist und etliche Rätsel birgt. Hinzu kommt, daß viele Fotos in der Literatur falsche Titel tragen und die Artzugehörigkeit oft nicht stimmt. Nach einiger Zeit des Beobachtens und Überlegens ordnete ich die beiden Tiere als ?H. guttatus? ein, allerdings mit einem Fragezeichen, da meine Tiere zwar genauso aussahen wie H. guttatus, allerdings mit einem wesentlichen Unterschied. Meinen Tieren fehlte der charakteristische schwarze Fleck auf der Flanke der hinteren Körpermitte. Diesen Fleck zeigen meines Wissens alle bekannten roten Cichliden der Gattung Hemichromis.
Nach nicht allzu langer Zeit laichten die Tiere ab, nachdem sie mittlerweile einen Platz in meinem Wohnzimmeraquarium gefunden hatten. Man möge mir den absoluten Stilbruch verzeihen, aber ich vergesellschaftete das Paar Hemichromis mit 10 ausgewachsenen Skalaren. Ein andere Möglichkeit bestand nach wie vor nicht und im unbeleuchteten Kleinaquarium kamen die Farben der Tiere uberhaupt nicht zur Geltung. Mein ersten roten Cichliden, die ich damals hielt, erwarb ich als ?H. bimaculatus?, diese Tiere erreichten im Aquarium gut 12-14 cm und waren alles andere als rot. Das jetzige Paar blieb viel kleiner, selbst nach 2 Jahren erreichten die Männchen kaum 10 cm und die Weibchen gerade mal 8 cm. Meine roten Cichliden ließen sich leicht nachzüchten und mittlerweile züchte ich bereits mit der F2-Generation, denen ebenfalls der schwarze Fleck fehlt. Erstaunlich für mich als Mittelamerika-Fan ist das Brutpflegeverhalten der roten Cichliden. Junge Weichen mit erst 5-6 cm Länge sind bereits in der Lage, Gelege mit rund 500-600 Eiern im 2-Wochen-Rhythmus abzusetzen, welche nicht ganz die Größe von Thorichthys-Eiern besitzen. Leider ist der Brutpflegetrieb meiner roten Cichliden nicht besonders stark ausgeprägt, was bedeutet, daß von den Jungfischen keiner durchkommt, wenn ich sie bei den Elterntieren belasse. Trotzdem bereitet die Zucht keine besonderen Schwierigkeiten, da einzeln gehaltene Paare ihre Jungfische lange betreuen und auch die künstliche Aufzucht ohne Elterntiere einfach ist, wenn auch nicht so schön anzusehen. Freischwimmende Hemichromis-Jungfische sind zwar winzig, lassen sich aber bereits von Anfang an mit frisch geschlüpften Artemia-Nauplien und Staubfutter aufziehen und sind wesentlich unempfindlicher gegen Darmparasiten als ihre mitelamerikanischen Verwandten.


Zur Zeit schwimmen sogar 3 ausgewachsene Paare mit meinen Skalaren zusammen und die ganze Gesellschaft verträgt sich prächtig. Während die Segelflosser eher im oberen Wasserdrittel ihre Bahnen ziehen und dort auch ablaichen, leben die roten Cichliden im unteren Drittel. Von Unverträglichkeit oder Ruppigkeit, wie manchmal in der Literatur zu lesen, keine Spur. Ich bezeichne sie eigentlich als friedliche „Zwergbuntbarsche“, verglichen mit Vieja fenestrata oder Nandopsis festae. Sehen lassen können sich diese altbekannten Westafrikaner allemal, da ihnen in ihrer Farbenpracht so schnell kein anderer Buntbarsch das Wasser reichen kann, wie die Fotos belegen. Es muß nicht immer etwas Neues sein, was Freude macht und seinen Reiz hat. Vielleicht habe ich ja eine neue Art, was aber unwahrscheinlich ist, letztendlich würde ich die Tiere als Aquarienform von Hemichromis guttatus bezeichnen. Vermissen möchte ich die kleinen roten Kerle nicht mehr und selbst wenn kein Platz ist, dann reichen auch mal 35 Liter für kurze Zeit.

Literatur:
Jörg Freyhof:
Ein heilloses Wirrwarr - Hemichromis, DCG Festschrift S. 25 ff, 1995
Hans J. Mayland:
Cichliden, Landbuch-Verlag, 1995

© Peter Buchhauser