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Das Verhalten mittelamerikanischer Cichliden

Teil 1: Kann das Aggressionsverhalten bestimmter Buntbarscharten im Aquarium langfristig konditioniert werden?

 

Der Titel ist sicherlich eine etwas hochgegriffene Behauptung! Womöglich widersprechen gleich die Biologen und Verhaltensforscher. Doch bevor es dazu kommt, möchte ich ein paar Fakten erwähnen: Ich halte, züchte und beobachte mittelamerikanische Cichliden der Gattungen Parachromis (die sog. „Guapotes“, d.h. großwüchsige, räuberische lebende und z.T. sehr aggressive Buntbarsche) und Vieja ( die sog. Farbtupfer, großwüchsige Pflanzenfresser, welche selten wirklich streitsüchtig sind) seit 1982. Manche Arten, bzw. Stämme halte ich kontinuierlich bereits seit über 10 Jahren in Gefangenschaft und glaube damit sagen zu können, daß nur wenige Liebhaber und ein paar zoologische Gärten ähnliches vorweisen können.

Immer wieder wird der Aquarianer vom Trieb nach dem Neuen, Interessanteren gejagt. Wir können es nicht erwarten, eine bestimmte Art über Jahre zu pflegen; nachdem sie sich erfolgreich vermehrt hat, liebäugeln wir bereits mit der nächsten, vermeintlich interessanteren. Da nehme ich mich nicht ganz aus. Trotzdem habe ich einige wenige Cichlidenarten über Jahre hinweg großgezogen, gehalten und beobachtet. Dazu gehören sowohl selbstgefangene Wildfänge aus Zentralamerika als auch zahlreiche Nachzuchten von Freunden und Bekannten. Bei einigen Arten wird erst nach 5 oder 6 Jahren die endgültige Größe, Körperform und Farbe erreicht, vorausgesetzt man mästet die Tiere nicht unnatürlich schon in 2 Jahren auf mehr als 30 cm Länge. Auch wenn es bestimmt immer wieder schwer fällt, so lange die Tiere zu behalten, irgendwie sollte man es trotzdem versuchen. Bestimmt wird man nicht enttäuscht, wenn man Bekanntes bewahrt und nicht dem Neuen, Unbekannten hinterher ist (eine Natureigenschaft der Spezies Mensch?).

Angefangen hat es vor langer Zeit, als es mir gleichwohl die Parachromis wie die Viejas angetan hatten. Unterschiedlicher hätte die Kombination gar nicht sein können, wenn man sich auf Mittelamerika beschränkt. Zahllose Mißerfolge über die Jahre hinweg ließen mich nur an Erfahrung gewinnen, welche ich eigentlich mehr unbewußt denn bewußt ausnutzte.

Beginnen möchte ich mit einem Cichliden, welcher de facto kein normaler Aquarienfisch ist, da er in seiner Heimat über 60 cm lang und über 5 kg schwer werden kann. Sein mildes, weißes Fleisch ist bei der Bevölkerung sehr geschätzt und auch mir kommt der Vergleich mit einem guten Zander nahe. Die Rede ist von Parachromis dovii. Eine Art, welche mich seit 1982 fasziniert, nachdem ich ein brutpflegendes Paar in einem 2.400 l-Becken in der Wilhelma in Stuttgart sah. Seitdem halte ich P. dovii mit einer Unterbrechung von etwa 2 Jahren wegen eines Umzugs. Eigentlich unverständlich, wie man sich so lange für einen Cichliden begeistern kann. Entweder man ist schier verrückt nach dieser Art oder ausgesprochen hartnäckig vielleicht auch beides. Siehe dazu DCG-Informationen 30, 8: S. 148-152.

Die Problematik dabei ist, daß sich P. dovii auf Dauer und damit meine ich einige Jahre, sehr schwer in Gefangenschaft halten läßt. Die robusten Tiere wachsen prima, vermehren sich willig und sind leider irgendwann alleine im Becken, da sie alle anderen Mitinsassen zerbissen haben. Oft läßt danach mangels potenzieller Feinde das größere Männchen seinen Aggressionstrieb am schwächeren Weibchen aus und der streitbare Herr besitzt ein Aquarium alleine. Selbst vergesellschaftete Saugwelse (v.a. Ancistrus-Arten) werden kurzerhand in der Mitte durchgebissen, wenn sie nicht allzu groß sind. Ausnahmen sind Großaquarien mit mehreren tausend Litern Inhalt, dort werden P. dovii seit Jahren problemlos gehalten, da die Fluchtdistanz der Mitbewohner erhalten bleiben kann. Ein paar Beispiele: Berthold W. zog seine P. dovii auf über 50 cm im 10.000 l- Becken. Mein Bekannter, Helmut N. erhielt sein P. dovii-Paar vor einigen Jahren von mir und hat im

12.000 l-Aquarium keinerlei Sorgen. Im Steinhart-Aquarium in San Francisco leben mehrere Generationen von P. dovii in einem 25.000 l-Becken (Inhalt geschätzt) friedlich nebeneinander. Nur wer hat schon das Glück, solch ein Aquarium oder so einen „Wohnzimmer-Pool“ zu haben? Bei mir dagegen waren immer Probleme vorprogrammiert, entweder waren die Becken auf Dauer zu klein für ein Paar (150 cm) zur Arthaltung oder ich konnte die Tiere aus Platzmangel in größeren Aquarien (250 cm) nicht alleine halten und mußte sie vergesellschaften. Man sollte mich nicht falsch verstehen, denn ich hatte keineswegs Spaß daran, wenn mein P. dovii-Männchen wieder einmal einen großen V. synspila zerbiß. Schließlich hatte ich beide Arten von klein auf großgezogen und nach Kampffischen war mir nicht der Sinn. Andererseits war ich leider aber auch zu egoistisch, um mich weder von der einen noch von der anderen Art trennen zu können. Ähnliche Probleme traten auf bei Arten wie „P.“ motaguense, „Cichlasoma“ festae, Amphilophus trimaculata, „C.“ spec. „großer Grüner“ und „C.“ umbriferus. Für mich und einen Großteil meiner Freunde und Bekannten waren diese Tiere im normalen Aquarium nicht auf Dauer zu halten. Wohl für einen bestimmten Zeitraum, aber nicht über Jahre hinweg, da die Vergesellschaftung zu viele Probleme bereitete. Dies mag auch ein Grund sein, daß z. B. „P.“ motaguense recht rar wurde und von „C.“ spec. „großer Grüner“ so gut wie keine Tiere mehr in Europa zu bekommen sind. Deshalb versuchte ich zur Vergesellschaftung von mittelamerikanischen Großcichliden mehr oder minder erfolgreich folgende Vorgehensweisen:

1. Absenken der Temperatur im Aquarium, um die Aggressionen zu verringern. Das ging immer solange gut, bis es entweder Hochsommer wurde in meinem Fischkeller und die Wassertemperatur zwangsläufig stieg oder ich endlich einmal wieder balzende und laichende Tiere sehen wollte. Zudem hielt ich eine Wassertemperatur von 20-22°C nicht als artgerecht, da ich von mehreren Reisen her weiß, daß die Heimatgewässer oft viel wärmer sind (als Jahresdurchschnitt ergeben sich oft 26-28°C).

2. Not macht bekanntlich erfinderisch. Ein befreundeter Aquarianer, der hier verständlicherweise nicht genannt werden will, gab‘ mir einen Tipp. Bevor man seine lieben Pfleglinge opfert (wie gesagt, ich konnte wie so viele Aquarianer nicht umhin, mehrere Arten im gleichen Becken zu pflegen, da immer Platzmangel herrscht, bzw. immer zu viele Fische vorhanden sind, eine menschliche Schwäche?), wurde ein ziemlich unkonventioneller Ratschlag ausprobiert. Kurzerhand hatte ich den P. dovii-Mann herausgefangen und seine 4 Hundszähne mittels eines Nagelknipsers „zurechtgestutzt“. Kein Scherz, das funktioniert, sollte aber bitte nicht wiederholt werden! Dies ging immer für 6-8 Wochen gut, bis die Zähne wieder nachgewachsen waren und er wieder richtig zubeißen konnte. Mit Sicherheit keine Lösung von Dauer und für die Tiere und mich mit zuviel Streß verbunden.

3. Um meinen Tieren und mir Streß, Ärger und Aggressionen (ich wurde dann auf die P. dovii aggressiv, konnte mich aber doch nicht davon trennen!) zu ersparen, entschied ich mich vor etwa 6-7 Jahren für die humanste und sanfteste Lösung. Hatte ein P. dovii-Paar wieder einmal eine kritische Größe erreicht, d.h. ab etwa 25 cm wurden die Männchen zusehends aggressiver, wurden sie verkauft oder abgegeben. Erstaunlich, wie gut sich große P. dovii-Paare verkaufen ließen, Jungfische wollte hier in der Umgebung niemand, nicht einmal mehr geschenkt. Warum nicht gleich so?

So hatte ich zwar immer P. dovii in meinen Aquarien, aber nie große Tiere, bis ich vor etwa 5 Jahren anfing, eine Selektion bei den Nachzuchten zu treffen. Zunächst völlig unbewußt. Von einem kleinen Paar zog ich gelegentlich Jungtiere heran, nur damit die Arterhaltung bei mir gewährleistet war. Bekommt man irgendwann die Tapferkeitsmedaille oder das Bundesverdienstkreuz für 25 Jahre P. dovii-Haltung?. Die größeren Jungfische gab‘ ich meist bald ab, da ich, wie gesagt, nur die Art bei mir erhalten wollte. Solange ein gesundes Paar bei mir schwamm, reichte es, etliche winzige Jungtiere zu besitzen. Dies hatte zur Folge, daß gerade die kleinsten Jungfische blieben und herangezogen wurden. Meist erwischte ich im Aufzuchtbecken sowieso nur die größten und freßgierigsten Tiere, welche dann abgegeben wurden. Das alles wiederholte sich über vielleicht 3-4 Generationen. Das wachsende Zuchtpaar wurde wieder abgegeben, sobald die kritische Größe erreicht war. Von vielleicht 10 verbliebenen 2 cm großen Jungfischen zog ich ein weiteres Paar heran, ließ es heranwachsen, Jungfische nachziehen und so fort.

An unnatürliche Auslese möchte man jetzt vielleicht denken. Ich dagegen behaupte, daß im Aquarium (welches an sich immer unnatürlich bleiben wird!) in Gefangenschaft, bei etlichen Cichliden immer einige Tiere hervorwachsen und andere kleiner bleiben. Entfernt man die größeren, wachsen die nächsten hervor und wieder bleiben einige zurück (dazu mehr im 2. Teil). Beginnende Inzucht fällt einem nun ein. Nicht wirklich zutreffend, da ich mindestens 2-mal fremde Weibchen einkreuzte, um dies auszuschließen.

Was passierte? Ich möchte sagen, meine P. dovii wurden gesellschaftsfähiger und weniger aggressiv gegenüber anderen Cichliden. Natürlich ist es reine Spekulation zu behaupten, daß die etwas zurückgebliebenen Jungfische von klein an unterdrückt wurden und jetzt mehr in der Defensive stehen. Gleichzeitig könnte die jahrelange Haltung im Aquarium das Verhalten der Tiere dahingehend verändert haben, daß sie ihre Wildheit ablegten und friedlicher wurden. Wildfänge wurden seit geraumer Zeit nicht mehr dazu gekreuzt. Ich weiß nicht, woran es liegt, aber plötzlich, nach all den Jahren der Vergesellschaftungsproblematik mit P. dovii klappt es jetzt seit etwa 2 Jahren völlig problemlos.

Nun meine vielleicht etwas provokante Behauptung: Kann das Aggressionsverhalten bestimmter Cichliden durch selektive Nachzucht konditioniert werden? Oder aber ändert sich das Verhalten von Buntbarschen über jahrelange Haltung in Gefangenschaft so grundlegend, daß aus dem bissigen Räuber zwar kein friedliches Lamm wird, wohl aber der Aggressionstrieb deutlich gemindert wird. Eventuell kann auch der permanente Streß, der nicht nur den Gejagten trifft (diesen zwar um so mehr), sondern auch den Jäger belastet, dazu führen, daß die Tiere es irgendwann bleiben lassen, weil es nichts bringt? Hierzu habe ich keine Antwort, denn alles mag einfach nur Zufall gewesen sein. Andererseits sprechen gewisse Fakten und die Zeit dafür:

Aktuell vergesellschafte ich mit P. dovii folgende Arten in einem Aquarium: P. managuense, „C.“ festae, Amphilophus citrinellus, Vieja bifasciata, Vieja synspila, Herichthys carpinte und „C.“ salvini. Mit Ausnahme der beiden Parachromis-Arten sind alle Tiere ausgewachsen und die Parachromis sind auch bereits über 30 cm groß.

Vor Jahren hätte diese kunterbunte Gesellschaft bei mir nicht lange Bestand gehabt. Jetzt klappt es prima und mit Ausnahme der Herichthys carpinte (es sind 4 Männchen!) haben alle anderen Tiere regelmäßig Jungfische, welche jedoch aufgrund der vielen Feinde nicht groß werden. Vielleicht erlaubt auch die relativ große Besatzdichte diese geradezu harmonische Gesellschaft? Es gibt so gut wie keine Beißereien und alle Tiere haben heile Flossen.

Bei etlichen bekannten Aquarianern klappte eine Vergesellschaftung von P. dovii oder „C.“ festae mit Vieja-Arten meist nicht lange.

Ergänzend sollte ich noch bemerken, daß die beiden vergesellschafteten Vieja-Arten jedoch Wildfänge sind, weil sich diese meiner Meinung nach besser durchsetzen können als Nachzuchten. Dieser Satz könnte Anlaß geben zu einer weiteren Hypothese: Sind Wildfänge im allgemeinen aggressiver oder durchsetzungsfähiger als Aquariennachzuchten, weil in der Natur immer potenzielle Feinde gegenwärtig sind, das Nahrungsangebot immer knapper ist als im Aquarium, etc.

Literaturhinweise:

P. Buchhauser: Was sind schon drei Jahre?“ Oder: Die Suche nach einer „Frau“. DCG-Informationen 1991/145

P. Buchhauser: Adíos, Guapotes!. DCG-Informationen 1993/242

U. Sesselmann: „Grande Guapote“ – Einrücke aus Costa Rica. DCG-Informationen 1993/121

J. Teuscher: Parachromis dovii – selten gepflegt. DCG-Informationen 1999/148